Drei Wochen in Patras, Griechenland

flüchtlingscamp in patras

Bereits einige Wochen wieder zurück, versuche ich das Erlebte in Worte zu fassen. Drei Wochen habe ich in Patras, im Südwesten von Griechenland verbracht, um dort mit der medizinischen NGO DocMobile zu arbeiten. Es waren sehr eindrückliche Momente, ein Zusammentreffen mit vielen interessanten Menschen und eine Zeit voller neuer Erfahrungen.

Patras ist eine Hafenstadt im Südwesten von Griechenland, an dessen Hafen Fähren von Griechenland nach Italien (Ancona, Venedig, Brindisi) abfahren. Bereits seit vielen Jahren ist Patras ein Tor zu Mitteleuropa, wobei die Flüchtenden via Lastwagen und Container versuchen auf diese Fähren zu gelangen. Doch dieser Weg ist gefährlich – sie versuchen sich in den Fahrgestellen der Lastwagen festzuklammern, um so ungesehen auf das Schiff zu gelangen, oder verstecken sich in den Containern. Bereits auf dem Weg zum Hafengelände treffen sie auf  die ersten Hindernisse. Beispielsweise müssen Zäune überwunden werden, welche von der Polizei massiv bewacht werden.   Diese handeln oftmals äusserst brutal und auch Minderjährige werden von Schlägen und gezielter Prügel nicht verschont. Doch hat es jemand unter den Lastwagen oder in einen Container geschafft, stellen die Fahrer die nächste Hürde dar. Auch viele von ihnen teilen Schläge aus, sobald sie einen Flüchtenden in ihrem Fahrzeug entdecken. Schafft es jemand an Bord der Fähre, gilt es 21 Stunden im Schiffsbauch ungesehen zu überstehen, ohne Möglichkeiten etwas zu essen oder zur Toilette zu gehen. Lediglich eine Flasche Wasser nehmen sie mit, um möglichst wenig Gepäck dabei zu haben. Doch in Italien angekommen stellt sich das nächste Problem: ungesehen aus dem Hafen herauszukommen. Viele, die es bis dahin geschafft haben, werden entdeckt und wieder zurückgeschickt. Dann heisst es: the next game will work, inshallah.

Die Zeit zwischen den Schiffsabfahrten wohnen die Flüchtenden in zwei alten und verfallenen Fabrikgebäuden. Es handelt sich vor allem um junge, alleinreisende Männer zwischen fünfzehn bis fünfundzwanzig, welche meist aus Afghanistan und Pakistan stammen. Die Wohnbedingungen sind prekär – es ist alles sehr schmutzig und sie sind der Hitze oder der Kälte schutzlos ausgesetzt.

Es gibt zwei Organisationen, die dort Hilfe leisten:  DocMobile, mit der ich unterwegs war, und FoodKind, eine Organisation die Essen kocht und verteilt. Insgesamt waren wir während diesen drei Wochen zwischen fünf bis acht Helfer. Alle zusammen haben wir in einer Wohnung gelebt; geschlafen wurde im ersten Zimmer, gekocht im zweiten und Spenden- und medizinische Güter aufbewahrt im dritten Zimmer. Morgens fuhren wir jeweils alle zusammen los zu den Fabriken, um zuerst ein kleines Frühstück zu verteilen. Danach fokussierten wir uns auf die medizinische Arbeit.

Zu Beginn meines Einsatzes mangelte es in Patras an allem: Geld für den Kauf von Lebensmitteln – FoodKind kochte mit 100 Euro täglich für 300 – 400 Menschen – sowie an personellen Ressourcen zum Rüsten, Kochen und Austeilen der Mahlzeiten. Ganz zu schweigen von kaum existenten Sachspenden, obwohl ein riesiger Bedarf an Schuhen, Kleidern und Schlafsäcken herrschte.

Medizinische Nothilfe für flüchtende in Patras

Und so kam aid hoc ins Spiel. Rasch war die Verbindung zu Jonas Härter aufgenommen, der innert kürzester Zeit mit einem Transporter voller Trockennahrung von Thessaloniki nach Patras fuhr.    Unsere medizinische Arbeit wiederum wäre ohne den durch Spendengelder ermöglichten Kauf von Medikamenten, insbesondere Antibiotika und Verbandsmaterial nicht möglich gewesen.   Während meines Aufenthaltes konnten wir 230 Euro in medizinisches Material investieren und seither DocMobile aus der Ferne erneut mit 500 Euro beim Kauf von Medikamenten unterstützen.

Praktisch alle Flüchtenden litten an der extrem ansteckenden Krätze begleitet von starkem Juckreiz.  Aufgrund der hygienischen Bedingungen war eine teure medikamentöse Therapie leider nicht zielführend, da sich die Leute innert Kürze über Kleidung, Decken oder Körperkontakt wieder anstecken.  Aufgrund des kaum behandelbaren Juckreizes, kam es durch Kratzen häufig zu offenen Wunden, welche sich praktisch immer infizierten. So war es unsere Arbeit die Wunden zu säubern und in schwereren Fällen mit Antibiotika zu behandeln. Viele der Flüchtenden beklagten sich auch über Muskelschmerzen, welche durch das viele Rennen entstanden sind,  Halsschmerzen, Bauchschmerzen oder Bänderverletzungen. Hin und wieder waren wir  auch mit schwereren Fällen konfrontiert: eine Hirnblutung aufgrund von Schlägen, Knochenbrüche, eine bakterielle Ohrknorpelentzündung, eine ausgedehnte Weichteilinfektion des Fusses oder Messerstichverletzungen.

Doch für uns am unbegreiflichsten und belastendsten  waren die wiederkehrenden Fälle  von schwerer Polizeigewalt: Minderjährige wurden mit Handschellen gefesselt und verprügelt oder sonst gezielt verletzt. Einem Jungen wurde gar heisses Metall über die Ohren geschüttet. Doch auch derartige Erlebnisse konnten die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht schmälern und voller Zukunftsvertrauen malten sich die jungen Menschen ein glückliches Leben in Nordeuropa aus.

aid hoc, aidhoc, aus St. Gallen und Basel, aid hoc

Während den teils langwierigen Wundversorgungen kam es gelegentlich dazu, dass uns jemand seine Geschichte erzählt hat. Voller Entsetzen hörten wir persönliche Erzählungen von Verfolgung, Folter, Mord an Angehörigen, der Flucht, was für uns unvorstellbar war. Wir waren Menschen gegenübergestellt, welche aus einem Leben gerissen wurden wie eurem oder meinem,  unvorstellbare Brutalität erleben mussten und dennoch immer wieder ein Lachen auf den Lippen hatten.

Ein wunderschönes Erlebnis, welches mir in bester Erinnerung bleiben wird, war mein Geburtstag.  A Auf dem Heimweg trafen wir einige junge Männer aus den Fabriken. Als  einer von ihnen erfuhr, dass es mein Geburtstag war, kaufte er  eine Schokolade sie schmückten diese  mit brennenden Feuerzeugen und nach einem „Happy Birthday“ in Arabisch und Farsi durfte ich die Flammen ausblasen bevor es für jeden ein Stück der Schokolade gab.

Es war ein sehr aufwühlender Aufenthalt in Patras und obwohl ich mich sehr auf zu Hause gefreut habe, war es äusserst schwierig diese Situation so zu verlassen und sich wieder zurück ins eigene Leben zu begeben. Die vielen Erlebnisse, Erinnerungen und Begegnungen mit so vielen verschiedenen Menschen waren bereichernd und lehrreich – ich werde immer wieder an diese Zeit zurückdenken und bin sehr froh, konnte ich mit meinem Einsatz einen kleinen Tropfen auf den heissen Stein geben. Ich würde mich sehr freuen, wenn  ich einige von Euch zu einem ähnlichen Einsatz motivieren könnte. Dafür stehen wir Euch gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Vielen Dank für Eure stetige Unterstützung!

Liebe Grüsse,

Medea

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